Wenn jemand anders rennt wo andere gehen – oder: Innovation ist wichtig

Ich glaube das ein Unternehmen, Mensch, Institution irgendwann in einem bestimmten Gebiet das Maximum seiner „Innovation“ erreicht hat.
Ich möchte hier aber aus Absicht nicht auf Computertechnik eingehen, denn da gehen die Meinungen was „Innovation“ überhaupt ist im Augenblick weit auseinander. Aber auch hier gibt es Beispiele von Firmen die von ihrer eigenen Idee überholt wurden.

Ich will das aber auf etwas Anderes beziehen was mir diese Woche wieder bewusst geworden ist:

Wenn man sich in die 90er Jahre zurück erinnert dann gab es da eine Menge guter Filme. Vor allem auch Filme bei denen Spezialeffekte eine große Rolle gespielt haben. Da gab es direkt zu Beginn des Jahrzehnts „Terminator 2: Judgment Day“ mit dem bekannten T-1000 der immer zu diesem komische Zeug zerlaufen konnte, das ein bisschen aussah wie Quecksilber. Lustigerweise sind in dem Film eigentlich gar nicht so viele Effekte zu sehen, trotzdem ist es in meiner Erinnerung der Film mit dem ILM (Industrial Light & Magic) noch einmal seine Vorreiterstellung auf dem Gebiet der Spezialeffekte unterstrich.

ILM, das sollte man wissen, wurde von Georg Lucas gegründet weil sich niemand fand um damals die Spezialeffekte für Star Wars zu machen. Das ist schon eine Weile her. Übrigens ist der Herr Lucas in meinen Augen einer der überschätzten Menschen überhaupt.

Nun, ILM schaffte es eine ganze Zeit lang wirklich gut im Geschäft zu sein. Inden 90er und auch nach der Jahrtausendwende haben sie für viele großartige Filme Effekte beigesteuert. Nur irgendwann ist ihnen die Krone abhanden gekommen.

In einem ganz anderen Teil der Welt gab es Mitte der 90er Jahre auch einen Regisseur, der für seine Filme eine Firma suchte die Effekte konnte, und auf eine kleine Firma stieß bei der nur eine Handvoll Mitarbeiter angestellt waren. Sowohl der Regisseur als auch die Effektschmiede waren damals noch ziemlich unbekannt und vor allem damit beschäftigt ziemliche blutige Werke abzuliefern. Aber manchmal sind die Wege im Filmbuisness unergründlich, und so kam es, dass der gute Mann irgendwann auf dem Regiestuhl des größten Filmprojektes überhaupt saß: Peter Jackson, der Regisseur von „Der Herr der Ringe“. Und er brachte ’seine‘ Firma für die Effekte mit: Weta.

Das Mammut-Projekt brachte nicht nur das Studio „New Line Cinema“ an den Rand des Ruins, auch Weta musste zeigen was sie können. Dabei muss man unterscheiden zwischen „Weta Workshop“, die Firma für die „herkömmlichen“ Effekte und „Weta Digital“ die sich um den CGI-Kram kümmern.

Nun, New Line Cinema schaffte es den Film in die Kinos zu bringen und dank des riesigen Erfolges waren die Kassen für die Produktionen der weiteren Teile wieder gefüllt. Das lag natürlich auch an den hervorragenden Arbeiten von Weta, wobei die computererstellten Effekte im ersten Teil noch etwas hinkten. Dafür konnte Weta Workshop mit Hobbingen, den Orks und vielen kleinen Details dafür sorgen, das dieser Film unvergesslich wurde.

Mit frischer Finanzkraft konnte Weta Digital dann im zweiten Teil zeigen was so alles möglich ist, und so sahen wir alle einen ziemlich fantastischen Gollum. Oh, das ist wichtig, den ILM hatte 2 Jahre zuvor mit Jar Jar Binks in „Star Wars Episode 1“ die erste voll animierte, tragende Figur in einen Realfilm eingebaut. Aber Weta kreierte hier mit Gollum eine Figur die unglaubliche Leinwandpräsenz hatte, und haben musste.
Das war der Zeiptunkt zu dem Weta sich die Königskrone schnappte und alle anderen auf ihre Plätze verwies.

Letztendlich war es dann nur logisch, dass Weta an anderen Projekten beteiligt wurde. War die Firma vorher eher unbekannt musste sie sich nun beweisen. Mit Erfolg! Letztendlich auch deshalb war es Weta die für den Großteil der Spezialeffekte in „Avatar“ verantwortlich war.

Und deshalb bin ich der Meinung, dass immer einer um die Ecke kommt und das bisher Dagewesene ganz alt aussehen lässt. Der mit Leichtigkeit dort weiterläuft wo andere sich mühsam hingeschleppt haben.
Und das ist gut so, denn das ist die wahre Innovation.
Und irgendwann kommt vielleicht jemand und lässt Weta alt aussehen. Ich als Konsument von Filmen freue mich darauf, denn das wird der nächste Quantensprung sein. Bis dahin darf mich Weta aber weiterhin mit Effekten verwöhnen. Und ILM natürlich auch.

Warum ich das eigentlich schreibe? Nun, ich habe die Woche „Tim & Struppi – Das Geheimnis der Einhorn“ gesehen. Das ist ein voll animierter Film. Regie führt Steven Spielberg bei den Produzenten ist Peter Jackson dabei (ja, sein Name wiegt inzwischen). Wenn man glaubt was die beiden erzählen, dann wollte Spielberg eigentlich einen Realfilm machen und hatte Weta beauftragt einen Hund zu animieren, der mit einer realen Figur animiert. Als er das Demo sah war er so begeistert, dass er den Film von Weta komplett als Animationsfilm umsetzen ließ.
Tja, und was soll ich sagen. Was Weta da zusammengerendert hat lässt Pixar und Dreamworks Animations ganz schön alt aussehen. Und die anderen Firmen haben sich auf so etwas spezialisiert.
Das Problem bei Animationsfilmen ist, dass die Figuren nicht zu real wirken dürfen, denn je „realer“ sie wirken, desto mehr kritisieren wir ihr Aussehen. Das ist auch der Grund dafür, dass die meisten Animationsfilme heute aussehen wie 3D-Zeichentrickfilme ohne großen Anspruch an Realität.
Die Ausnahme bilden die Filme „Final Fantasy – Die Mächte in dir“ und die Filme von der ehemaligen Firma „Image Movers“ („Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“). Image Movers wurde 2007 geschlossen und später von Disney als „Image Movers Digital“ wiederbelebt. Allerdings war die dann folgende „Weihnatschgeschiche“ eher in Richtung Comicstil. Sehr schade, denn „Image Movers“ waren die einzigen die sich dauerhaft getraut haben möglichst realistische Figuren zu bauen.

Ich schreibe das alles, weil das klar macht wie schwierig es ist aus den Comicfiguren Tim & Struppi irgend etwas zu bauen das zwischen dem Comicstil und der Realität liegt, und dabei irgendwie akzeptabel aussieht. Nun, es ist geglückt. Und das was man auf der Leinwand sieht ist aus technischer Sicht ziemlich beeindruckend.

Oh, jetzt könnte man natürlich sagen, dass es da jemanden gibt der meine Theorie zerstört: James Cameron. Das ist der Regisseur von „Terminator 2“, „Titanic“ und „Avatar“. Und der Erfolg dieses Talents scheint auf den ersten Blick meine Theorie in Asche zu verwandeln.

Nun, das tut sie nicht. Zuerst ein Beispiel das meine Theorie stützt: Ridley Scott. Alte Schule, sauberes Handwerk. Um 2000 führte er Regie bei „Gladiator“, einem fantastischen Film den ich elf (11!!!) Mal im Kino gesehen habe. Bis heute ganz weit oben auf meiner Liste der besten Filme. Danach machte er andere Filme, die aber nie an diesen heran reichten. 2010 wollte er es noch einmal wissen, holte sich mit Russell Crowe den Hauptdarsteller aus Gladiator wieder ans Set und drehte „Robin Hood“. Einen Film der es nicht einmal in meine DVD-Sammlung geschafft hat. Bis jetzt. Vielleicht sehe ich ihn ja noch einmal auf dem Grabbeltisch.

Der Herr Cameron hat seit den 80ern typischen Sci-Fi Kram gemacht. Der Start war mit „Piranha 2“ wenig ruhmreich, aber dann kommen so Leckerlis wie „Terminator“, „Aliens“, „Abyss“ und „Terminator 2“. Eigentlich spricht das schon sehr für Cameron. 1997 setzt er dann sein Traumprojekt um und verfilmt den Untergang der „Titanic“. Das darf man nicht vergessen, das war sein Ding, er hat das produziert und Regie geführt. Und dieser Film wird der erfolgreichste Film aller Zeiten. Woah. Bäng. Auszeichnungen ohne Ende, der Olymp der Filmemacherei…

Und was macht Cameron? Das Einzige was richtig ist: er hört auf. Er ist nicht nur ein Genie, er ist ein verdammter Freak. Er ist der Regisseur und Produzent des erfolgreichsten Films aller Zeiten. Da ist auf dem großen Markt nichts mehr was er tun kann. Alles was er versucht wird an diesem Erfolg gemessen werden. Also sorgt er dafür, dass nichts gemessen wird. Er macht ein bisschen fürs Fernsehen („Dark Angel“), produziert ein bisschen und fängt an Dokumentationen zu machen. Dokumentationen? Richtig! Warum? Weil er ein Freak ist. Und für Dokumentationen darf er mit Technik spielen. Auch mit 3D-Technik.

Und die großen Leinwände für den Mainstream? Die überlässt er anderen. Die liefen den Weg weiter den er bereitet hatte.

Bereits vor der Veröffentlichung von Titanic hatte er ein Projekt vorgestellt bei dem es darum ging, dass wegen der Rohstoffausbeutung eine Kultur auf einem fremden Planeten unterdrückt wird. Niemand wollte das mit ihm umsetzen.

Nun, was dann geschah… darüber gibt es offizielle Quellen. Ich möchte einmal ein paar Umstände aufzählen die vielleicht ein anderes Bild zeichnen:
So um 2005/2006 hat der Herr Cameron gerade wieder eine Dokumentation für die Riesenleinwände der IMAX-Kinos abgeliefert. Anschließend teilt er mit, dass er den Stoff der seit fast 10 Jahren im Internet kursiert nun tatsächlich umsetzen will.
Die Filmbranche hat unter zurückgehenden Kinobesuchern zu leiden. Die „wirklich großen“ Blockbuster sind einfach nicht genug. Die Studios sind nicht so doof das wirklich auf die Raubkopierer zu schieben, aber sie verstehen, dass sich das „richtige Kino“ wieder vom „Heimkino“ absetzen muss. Surroundsound gibt es heute auch in Wohnzimmern und die Größe von Fernsehern und Bildqualität steigt auch ständig.
Und zufällig, rein zufällig, findet der Regisseur des erfolgreichsten Films aller Zeiten jemanden bei dem er sein altes Sci-Fi-Projekt endlich umsetzen darf. Zufällig der Regisseur der gerade Dokumentationen in 3D gemacht hat, und rein zufällig schaffen es die Kinos verdammt viele Leinwände mit 3D auszustatten bevor der Film fertig ist.
Nur mal unter uns, wen hättet ihr denn angerufen wenn ihr die Studios gewesen wärt und eine neue Technik hättet ausrollen wollen? 3D-Technik um sich endlich wieder vom Heimkino zu unterscheiden? Damit wieder die 5, 6 Jahre Vorsprung da sind bevor die Wohnzimmer auf einem ähnlichen technischen Stand ankommen, wenn überhaupt?
Obwohl Cameron als Hauptproduzent geführt wird, findet sich nirgends eine wirklich sichere Quelle für das Budget. Aussagen widersprechen sich, einschlägige Webseiten führen es daher gar nicht.

Nun, der Rest ist Legende. Obwohl die Story belächelt wurde: Avatar wurde der erfolgreichste Film aller Zeiten und stieß damit Titanic vom Thron, zumindest was den Umsatz an den Kinokassen angeht. Dafür hat natürlich auch die der Aufschlag für 3D-Filme geführt.

Und seien wir ehrlich: optisch ist Avatar ein Leckerbissen. Die Studios haben versucht darauf aufzuspringen, aber es ist nicht einfach einen guten 3D-Film zu machen, ohne dass er schlecht aussieht. Zwei Jahre sind vergangen, kein Film kommt, was die 3D-Sicht und die visuelle Umsetzung angeht, auch nur in die Nähe von Avatar.

Cameron hat genau das Richtige gemacht. Er hat andere laufen lassen und zum richtigen Moment gezeigt, dass er der richtige für den nächsten Schritt ist. Weil er ein Genie ist… und ein Freak.
Und weil er sein Handwerk kann, weil er Talent hat.

Und so ist es immer, es kommt  jemand der den Weg weiterläuft der bisher mühsam begangen wurde. Und das ist richtig und gut so. Denn das ist Entwicklung. Egal ob bei Technik, Kunst, Gesellschaft oder anderen Bereichen.

Freuen wir uns darauf, dass bald der nächste anfängt zu laufen.

— der Würschtlmann

2 Gedanken zu “Wenn jemand anders rennt wo andere gehen – oder: Innovation ist wichtig

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